Ängste und ihre Überwindung
(Vortrag am Montag, 5. Dezember 2011 um 15.00 Uhr im „Treffpunkt ab 50“, alten Rathaus, Lörrach)
Ängste und ihre Überwindung: Ich fange mit mir selber an. Ich empfinde jetzt Angst oder eine gewisse Beklemmung, indem ich hier vor Ihnen stehe. Was werden Sie zu dem, was ich sagen werde, sagen? Werde ich Fehler machen? Werde ich vor lauter Nervosität mich blockieren und nichts mehr sagen können? Habe ich bei der Vorbereitung etwas Wesentliches vergessen? Mein Herz klopft im Hals..
Damit es mir, was meine Angst betrifft, etwas besser geht, fange ich gerade mit der Therapie an. Ich werde meine Angst zerstreuen und mit gewissen Fakten, bei denen ich eher keine Fehler machen kann, anfangen: Ich werde mich Ihnen ein bißchen vorstellen.
Mein Name ist holländisch. Sie hören vielleicht auch, daß ich dorther komme. Ich bin aber schon seit 1981 in der Schweiz, zuerst in Zürich und seit 1987 in Basel. Ich bin von Beruf Arzt, Psychiater und auch Kinderpsychiater und habe eine Praxis im Zentrum von Basel. Und Sie? Wer sind Sie? Ich muß es aushalten, daß ich dies nicht erfahren werde. Der Nachteil eines Vortragsverhältnisses.
Ich habe also Angst.
Was ist Angst eigentlich? Das Wort Angst ist mit den Wörtern „Enge“ und „Einengung“ verwandt. Das lateinische und medizinische Wort „Angina“ (= Halsweh) gehört auch dazu. D.h. daß Angst ein sehr körperlich betontes Gefühl ist. Angst kann sich sehr unterschiedlich und auch in unterschiedlichem Grad äußern, als Gefühl und in vielen inneren Organen. Die Verbindung mit den inneren Organen erklärt sich dadurch, daß all diese Organe mit dem zentralen Nervensystem verbunden sind und so – einfach gesagt – in ihrer Funktion beschleunigt oder gehemmt werden können. Meistens gibt es bei Angst Beschleunigung der Funktionen, wie beim Herzrasen, wenn das Herz schneller als erforderlich klopft oder im Magendarmsystem beim Durchfall (Ich habe „Schyss“).
Auch bei den Lungen gibt es oft eine Art Überfunktion, was Hyperventilieren heißt. Man atmet dabei – einfach gesagt – zu viel (Kohlenstoffdioxid) aus, was komplizierte chemische Veränderungen auslöst, die sich körperlich manifestieren, wie Beklemmung auf der Brust, was wieder zu Angst führen kann, wodurch man zu viel atmet, etc. = Teufelskreis).
Angst kann sich auch als Zittern in allen Gliedmaßen zeigen oder als Schwitzen, wodurch man nasse Hände bekommt, was ich dann wieder beim Begrüßen der Patienten merke, was wieder für sie unangenehm sein kann.
Es kann aber auch sein, daß gewisse Funktionen bei Angst gehemmt werden, wie dass z. B. eine Blockade oder Lähmung ausgelöst wird. Man kann z.B. nicht mehr reden oder sich gar nicht mehr bewegen.
Was werden Sie von mir über diese Angst hören? Sie erwarten wahrscheinlich einen medizinischen Vortrag über
- Ängste und
- was man dagegen machen kann.
Diesen Vortrag könnte ich Ihnen liefern. Es gäbe viel darüber zu sagen. Vielleicht haben Sie es auch schon erlebt, daß Ihr Hausarzt gar nicht verlegen reagiert, wenn Sie ihm beichten, daß Sie unter Ängsten leiden. Es gibt nämlich Pillen gegen Angst! Alt bekannte Pillen wie Valium, Tavor und Xanax, die aber sehr schnell zu einer Abhängigkeit führen. Oder neue Pillen, wie Fluctin und Zoloft und noch viele andere, die auf einer anderen Weise abhängig machen, was aber noch nicht so bekannt ist.
Ist Angst aber eine Krankheit? Wenn nicht, bin ich als Arzt sofort nicht mehr Experte. Wir Ärzte haben nur eine (blasse) Ahnung von Krankheiten, sicher aber nicht von „Gesundheiten“.
Es spricht aber viel dafür, Angst als eine Krankheit oder modern gesagt als eine Störung zu betrachten. Es gibt auch neue Namen dafür wie
- „Panikstörung“, was eine episodisch paroxysmale (anfallartig) Angst ist, oder — generalisierte Angststörung oder
- Phobie, was eine Angst vor einer speziellen Situation ist, wie Höhe oder eine Ansammlung vieler Menschen. Dies sind genau definierte Zustände, für die auch genau definierte Behandlungen beschrieben sind. Leider bringen diese Behandlungen häufig abgesehen von neuen Krankheiten wie Abhängigkeiten wenig oder nichts. Warum machen wir uns dann die Mühe, Angst als Krankheit zu sehen? Ich glaube, weil eine Angststörung besser einzuordnen ist, als wenn man das Phänomen Angst einfach offen lassen würde. Angst als Krankheit ist wie verpackt im Begriff Krankheit und löst so weniger … Angst aus!
Man kann dieses Phänomen, ein an sich normales Gefühl als Krankheit zu bezeichnen, auch beim anderen viel vorkommenden Gefühl feststellen, bei Aggressivität. Nehmen wir mal die Aggressivität bei einem Kinde. Wer will schon zugeben, daß sein Kind aggressiv ist? Es ist viel angenehmer die Aggressivität als eine Krankheit zu sehen, wie das ADHS (Aufmerksamkeits-Defizit/Hyperaktivitäts-Syndrom). Eltern solcher Kinder sind bereits durch die Diagnose entlastet..
So wird es auch einfacher sein, aus der Angst eine Krankheit zu machen. Der Nachteil (für mich) ist dann aber, daß in diesem Fall wieder die Ärzte zuständig sind.
Sie merken wahrscheinlich bereits, daß ich nicht unbedingt finde, daß Angst mit Krankheit gleichgestellt werden sollte. Ich finde es zu einfach. Es paßt zur heute in der Gesellschaft zunehmenden Tendenz, alles Unangenehme als Krankheit anzuschauen und so einzupacken, wegzustecken. Schön wäre, wenn diese angeblichen Krankheiten dann noch geheilt würden.. Dies geschieht aber leider nicht. Im Gegenteil, die Statistiken zeigen eher eine Steigerung der Angstpatienten im epidemischen Umfang.
Es heißt oft, daß es sich um chronische Störungen handelt, von denen gewisse Leute leider befallen seien. Die Ausgrenzung beginnt. Diese Patienten sollen doch nicht uns belästigen. Sie sollen zum Arzt gehen, oder, wenn `s nicht besser wird, in die Klinik. Es findet eine Ausgrenzung statt, die für die Nicht-Ausgegrenzten von Vorteil zu sein scheint. Sie kennen dieses Phänomen vielleicht in der Schule oder am Arbeitsplatz. Es werden immer höhere Ansprüche gestellt, wodurch immer weniger Leute genügen. Die, welche nicht genügen, kommen auf Nebengleise wie die Kleinklasse oder was die Arbeit betrifft in spezielle Arbeitslosenprojekte. Ich halte wenig von diesen Ausgrenzungen. Das Resultat ist nämlich, daß es immer weniger normale Leute gibt und immer mehr abnormale oder wie man es auch sagen will. Ein weiteres Resultat ist, daß man Angst bekommt, auch einen solchen Stempel zu erhalten. Womit wir wieder beim Thema Angst sind.
Meine Alternative: Ich lade Sie ein, Angst normal zu finden. Jeder Mensch kennt Angst. Behaupte ich mal. Ich finde sogar, daß es Angst braucht. Angst ist für den Menschen eine Schutzfunktion, ohne die er sich dauernd gefährden würde. Wenn wir uns an die Grenzen unserer Fähigkeiten begeben, wie beim Bergklettern oder bei anderen waghalsigen Sportarten, kriegen wir das Gefühl von Angst, von Beklemmung. Gott sei Dank haben wir dies. Sonst gäbe es noch mehr Unfälle. Oder ein anderes Beispiel: Wenn wir an ein Examen gehen, bei dem sich zeigen könnte, daß wir uns entweder nicht genügend vorbereitet haben, oder daß wir für die geprüften Fähigkeiten trotz guter Vorbereitung doch nicht genügen, bekommen wir Angst. Wir können z.B. vorher nicht essen, müssen vielleicht erbrechen, haben Durchfall oder sonst was. Auch hier kommen wir an Grenzen, hinter denen Überforderung und Probleme lauern. Angst ist hier in der Funktion als Warnzeichen ernst zu nehmen. Wenn wir diese Zeichen überspielen oder mit Medikamenten dämpfen, wird die Gefährdung nur größer.
Eine Grenze, die uns allen gestellt ist, ist der Tod. Es gibt Wissenschaftler, die jegliche Angst auf Angst vor dem Tod zurückführen. Jede Grenzüberschreitung, jede Überforderung führt tatsächlich bei Mißachtung aller Warnsignale früher oder später zum Tod. Angst und Tod sind wie Bruder und Schwester mit einander verbunden. Jemand der sagt, daß er keine Angst vor dem Tod hat, kennt sich nicht. Jeder Mensch will leben. Wir Psychotherapeuten nennen dieses Phänomen den Lebenstrieb, das élan vital, das zu jedem Menschen gehört, es sei denn, daß er in einer schweren Depression ist und sich sogar sehnt, endlich sterben zu können.
Zurück zur Angst: Es gibt unterschiedliche Menschen, die unterschiedlich auf Situationen reagieren. Es gibt z.B. die Angsthasen, wie die für Kinder mühsamen Mütter, die überall Gefahren wittern. Und es gibt an der anderen Seite die Waghalsigen oder Risikofreudigen, für die jegliche gefährliche Situation sogar ein Kick darstellt, der für den Organismus wie eine Droge wirkt. Immer höher beim Klettern, immer tiefer beim Tauchen, immer verrückter beim Erforschen von Höhlen, etc. Sie kennen dies bei den sogenannten Erlebnistouren, eine zunehmende Einnahmequelle im Tourismus. Daß es daneben offenbar immer mehr Angsthasen gibt, erscheint dabei verständlich.
Bis jetzt haben wir also festgestellt, daß Angst nicht unbedingt mit Krankheit gleichzustellen ist, sondern eher ein Warnsignal für den Menschen ist, dem von seinem Wesen her gewisse Grenzen gestellt sind, mit als letzte Grenze der Tod.
Wenn wir also von einer Angstepidemie in dieser Zeit sprechen, müssen wir uns fragen, warum so viele Menschen in solche Grenzgebiete des menschlichen Funktionierens hineingeraten und so verständlicherweise Angst zeigen.
Diese Frage ist also keine medizinische Frage, sondern erst mal eine gesellschaftliche oder soziologische Frage. Es betrifft die Frage nach Veränderungen in der Gesellschaft. Wir sehen z.B., daß es in der westlichen Gesellschaft immer mehr Isolation gibt. Während früher Menschen in ihren Sippen, ihren Dorf- und Arbeitsgemeinschaften eingebettet waren – was an sich typisch menschlich ist -, lösen sich diese Gemeinschaften immer mehr auf. Kerneinheiten wie Familie sind nicht mehr selbstverständlich. Immer mehr Menschen sind auf der Suche nach Alternativen, weil sie in der herkömmlichen Familie schwer enttäuscht sind. Während dieser Wandlungsphase werden aber viele Menschen isoliert, auch Einzelfamilien, die z.B. migrationsbedingt nicht mehr den Rückhalt der früheren Mehrgenerationenfamilien haben. Ich meine, daß Kinder, die in Lörrach aufwachsen, sehr häufig beim Erwachsen-werden ausziehen, nicht nur aus ihrer Herkunftsfamilie, sondern z.B. auch in ein anderes Bundesland. Es lösen sich aber nicht nur Strukturen auf, sondern auch bewährte Gewohnheiten, die sogenannten Normen, die den Menschen helfen, sich beim Unterscheiden zwischen richtig und nicht richtig zu orientieren. Diese strukturellen und normativen Änderungen führen zu einer Überforderung des Einzelmenschen, der nur einen gewissen Grad an gleichzeitiger Veränderung ertragen kann und so eher an seine Grenzen gelangt.
Diese jetzt besprochene soziologische Veränderung läßt wiederum fragen, wie denn dieser Prozeß in der Gesellschaft begründet ist. Diese zweite Frage führt in den Bereich der Philosophie. Es betrifft das Warum und Wozu des menschlichen Seins und Wirkens in der Welt. Warum und für was lebt der Mensch, was für gedankliche Prozesse haben veranlaßt, daß er die alten Strukturen losläßt und sich waghalsig in neuere stürzt, die aber nicht abschließend abgeklärt oder ausgekundschaftet sind. Diese Fragen sind sehr grundlegend.
Ich könnte sie im Rahmen dieses Vortrags nicht abschließend behandeln. Und auch sonst hätte ich keine letzte Antwort.
Schliessen möchte ich den Vortrag mit einigen Gedanken zum Umgang mit der Angst. Ich habe es Ihnen am Anfang des Vortrags schon gezeigt. Ich habe Ihnen gebeichtet, dass ich Angst habe. Ich habe mich nicht davor geschämt. Schritt 1 ist also die Annahme der Angst. Man darf zugeben, dass man Angst hat. Weiter dürfte man auch andere Symptome annehmen, die körperlichen, die auf Angst zurückzuführen sind, aber auch andere psychische Symptome, wie etwas Zwänge, Zwangsgedanken und Zwangshandlungen. Angst und Zwang gehören zusammen. Zwang kann als seelische Abwehr von Angst verstanden werden. Schritt 2 wäre die Angst und ihre Partnersymptome wie körperliche Symptome und Zwang genauer anzuschauen. Wann habe ich Angst, in welcher Situation, wann hat es angefangen? Dies ist schwieriger als es tönt, denn die meisten Angsthasen wollen gar nicht darüber nachdenken, weil das Nachdenken bereits Angst auslöst. Sie vermeiden koste was es kostet jegliche Situation, die sie an Angst erinnert. Auch wenn man unter Zwängen leidet, braucht es oft einen Prozess, der zur Einsicht führt, dass sich hinter den Zwängen die Angst versteckt. Schritt 3 wäre verstehen zu wollen, was die Angst sagen möchte. Habe ich Grenzen überschritten, die ich nicht hätte überschreiten sollen? Wann ist dies passiert. Ist mir dies als Kind schon passiert und habe ich dieses Gefühl wie mitgenommen, als Erfahrung, die ich damals als Kind nicht kritisch hinterfragen konnte? Was hätte ich als Kind damals gebraucht, dass die Angst hätte eingeordnet werden konnte? Hier sind Sie als erwachsener Mensch gefragt, mit Ihrem Verstand zu einer neuen Beurteilung zu kommen. Die aus der Kindheit irrationalen Ängste können so verstanden und relativiert werden. Sie als Angsthase sind gefragt, die Situationen von früher neu zu beurteilen und sie bei Wiederholung der Situation neu zu lösen.
Beispiel: Sie wurden als Kind gezwungen, in den dunklen Keller zu gehen, um Kartoffeln zu holen. Als Kind mit viel Phantasie konnten Sie nicht ausschließen, Sie würden im Dunklen von bösen Menschen oder Mächten überwältigt. Seit diesen traumatisierenden Erlebnissen haben Sie Angst im Dunklen. Rückblickend als erwachsener Mensch können Sie aber wissen, dass damals im dunklen Keller keine wirklichen Gefahren gedroht haben. Es macht also Sinn, sich dieser dunklen Situation stellen zu wollen und dann zu erleben, dass wirklich nichts passiert.
So können mit der Zeit Ängste abgebaut werden. Abhängig von wie massiv die früheren Situationen gewesen sind, kann dieses Abbauen einen langen Prozess bedeuten. Schritt 4 ist darum Vermeiden, die Ängste zu vermeiden, und sich allmählich jeder Angstsituation zu stellen, quasi jeden Angstwinkel in Ihrem Leben auszuleuchten.
Diese vier Schritte sind ein wirklich möglicher Prozess. Viele Menschen sind diesen Weg gegangen und haben so einen Weg gefunden, nicht mehr Angst vor der Angst zu hegen, sondern ihre Ängste zu respektieren, als ernstzunehmende Warnzeichen anzunehmen und dankbar machbare Lösungen anzustreben.
Ein sehr lesbares Buch über dieses Thema ist übrigens “Am Anfang war es ein Gefühl, die Sachen mit den Angstzuständen und Panikattacken” von Ida Wagner, Engelsdorfer Verlag, ISBN 3-86901-426-1