Fachseminar Kurs IV:
„Verletzung durch Missbrauch“, Trauma -Therapie / Trauma – Seelsorge
(Teil Dr. Piet Westdijk)
Seminarwoche vom 13. – 17. September 1999 im Nidelbad, 8803 Rüschlikon ZH
Überblick der drei Referate:
1. Trauma gesehen aus dem systemischem Gesichtspunkt
2. Traumatisierung unter Christen
3. Meine Integration der modernen Psychologie und Glaubens
Trauma gesehen aus dem systemischem Gesichtspunkt (1)
(Literatur: DSM IV – Diagnostisches und Statistisches Manual psychischer Störungen, listening to high utilizers of mental health services, mental health services, State of Oregon, recognizing, responding to und recovering from trauma, febr. 1999, Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung von Arist von Schlippe und Jochen Schweitzer, 1996)
1. Einleitung:
Definition Trauma (DSM IV):
- das direkte persönliche Erleben einer Situation, die mit dem Tod oder mit der Androhung des Todes, einer schweren Verletzung oder einer anderen Bedrohung der körperlichen Unversehrtheit zu tun hat (wie Kriegsereignisse, Folterung, Vergewaltigung, Raub, Naturkatastrophe, Autounfall, die Diagnose einer lebensbedrohlichen Krankheit; bei Kindern das Erleben ihrem Entwicklungsstand unangemessener sexuellen Erfahrungen) oder
- die Beobachtung eines Ereignisses, das mit dem Tod, der Verletzung oder der Bedrohung der körperlichen Unversehrtheit einer anderen Person zu tun hat oder
- das Miterleben eines unerwarteten oder gewaltsamen Todes, schweren Leids, oder Androhung des Todes oder einer Verletzung eines Familienmitgliedes oder einer nahestehenden Person
Direkte Reaktion aufs Trauma: intensive Angst, Hilflosigkeit oder Entsetzen
Spätfolgen:
- Anhaltendes Wiedererleben des traumatischen Ereignisses (sich aufdrängende Erinnerungen, innere Bilder, Träume und auch Flash-backs)
- Andauernde Vermeidung von Reizen, die mit dem Trauma assoziiert sind (bis zur Amnesie)
- Abflachung der allgemeinen Reagibilität ( = psychische Abgestumpftheit)
- Anhaltende Symptome eines erhöhten Arousals
(für die Diagnose „Posttraumatische Belastungsstörung“ muss das vollständige Symptombild länger als einen Monat anhalten und in klinisch bedeutsamer Weise Leiden oder Beeinträchtigungen in sozialen, beruflichen oder anderen wichtigen Funktionsbereichen verursachen)
Comorbidität: Parallele Diagnosen: Borderlinepersönlichkeitsstörung, Narzisstische Persönlichkeitsstörung, Dissoziative Identitätsstörung (= früher Multiple Pers. Störung). Meist vorkommende begleitende Symptome sind depressive Verstimmung, Angst, Substanzabhängigkeit und Somatisierung.
Zahlen:
- 10% der Frauen und 5% der Männer unserer Gesellschaft; ein Drittel mit Symptomen, die über Jahre gehen; die schlechteste Prognose haben welche mit inadäquater sozialer Unterstützung und welche als Kind sexuell ausgebeutet worden sind
- 98% von 275 Psychiatrie-Patienten sprachen von Traumatisierung, 43% hatten die Diagnose der PTBS (2% davon vorher erkannt!)
- Eine andere Studie spricht von 34% von neulich eingewiesenen Psychiatriepatienten, die PTBS hatten, als Folge von sexueller Ausbeutung in der Kindheit
Neurobiologische Basiskonzepte nach Bessel Van der Kolk 1996:
PTBS-Leute entwickeln eine Dauervigilanz und Hypersensibilität für Bedrohungsmomente aus der Umwelt, die sich folgendermassen auswirken: physiologisch, neurohormonal, immunologisch und funktionell neuroanatomisch.
2. Therapiemöglichkeiten:
Was hilft: von 69 Betroffenen sagen 74% zugehört und verstanden zu werden, 77% eine Therapie, 61% geglaubt zu werden, 59% unterstützt zu werden, 47% eine therap. Gruppe, 47% Freunde, 34% Fähigkeiten „wie damit umgehen“.
Sehr wichtig sei auch: einen sicheren Ort zu haben, a safe place, kognitiv verhaltenstherapeutisch umgesetzt: eine Art Karte bei sich haben, auf der die sicheren und unsicheren Orte aufgezeichnet sind.
Meiner Erfahrung nach sind was Therapie betrifft folgende allgemeine voraussetzende Überlegungen wichtig:
- Die betroffene Person braucht eine therapeutische Beziehung, die sich auszeichnet durch Kontinuität in bezug auf Zeit und auch emotional. Der Therapeut braucht eine gewisse Reife und Geduld, muss selber in Supervision sein, mit den traumatischen Ereignissen umgehen können und wissen, dass, wenn er oder sie aktiv nichts unternimmt, er oder sie selber innerhalb der therapeutischen Beziehung zum Täter werden kann.
- Transparenz puncto eigener Ohnmacht angesichts des Ereignisses. Sobald man vermittelt, dass man weiss wie damit umgehen, vermittelt man eine Machtposition, die an frühere Traumatisierungen erinnert
- Ausarbeiten eines Notfall-Scenario im Sinne von „wen kann ich anrufen, wo kann ich hingehen, wo ist es sicher“, das der Betroffene selber nützen kann. Für dieses Scenario sollte das Umfeld mit einbezogen sein.
- Dauerndes Spiegeln der „Opferhaltung“ in der Therapie und im Umfeld des Betroffenen – Wach-werden aus der Trance des traumatischen Ereignisses, des Opfers und Mobilisieren von Ressourcen, die den Betroffenen befähigen, selber raus zu kommen. Entlarven des Täters, sich Zeit nehmen, die Situation ernst zu nehmen, anzunehmen und schliesslich das Entwickeln einer Verteidigungsstrategie
3. Systemischer Gesichtspunkt:
Allgemeines zu systemischem Denken und systemischen Unterscheidungen:
Zur Definition systemischen Denkens lässt sich sehr viel sagen. Insider wissen, dass mit dem Begriff „systemisch“ eine babylonische Bedeutungsvielfalt einhergeht. Auf diese Begriffsverwirrung einzugehen würde den Rahmen dieser Woche sprengen. Ich verweise gerne auf das hervorragende Lehrbuch vom Gestaltler von Schlippe und vom kybernetischen Heidelberger Schweitzer, 1996.
Die Begriffsverwirrung heisst aber nicht, dass es niemand mehr weiss. Viel mehr ist es so, dass es alle wissen und dass das Gesamte vielleicht kaum in einigen Sätzen gesagt werden kann. Wie immer lässt sich die Sache am ehesten von der Geschichte her verdeutlichen:
Am Anfang – Ende 50iger Jahre – entdeckten einige sich meist analytisch nennenden Therapeuten, dass des öftern die therapeutische Diade für Theoriebildung und therapeutische Veränderung nicht ausreicht.
- Es entstand die Familientherapie. Familienmitglieder wurden zum Prozess eingeladen und ihr Anteil am Entstehen und Erhalten der Problematik untersucht. Die Familie wurde als System angeschaut, ein Wort aus der Systemtheorie, d.h. dass die Familie nicht nur die Summe der Einzelmitglieder sei, sondern mehr. Die Beziehungen unter einander kamen in den Vordergrund. Die analytischen Theorien wurden ausgeweitet: siehe Schulen wie von Stierlin mit seiner Delegationstheorie, Boszormeniy-Nagy mit dem „unsichtbaren“ Loyalitätsmodell über mehrere Generationen und auch der Zürcher Jürg Willi.
- Familienstrukturen wurden Gegenstand der Untersuchung. Es entstanden die sogenannten strukturellen Familientherapieschulen wie unser Guntern im Wallis und Minuchin in den USA, der puncto Magersucht hervorragende Arbeit leistete. In der Folge kamen die Beziehung resp. Beziehungsmuster ins Rampenlicht.
- Die neue Komputerwissenschaft der Informationssteuerkunde, d.h. die Kybernetik, machte seinen Eintritt. Ein amerikanischer Anthropologe Gregory Bateson entdeckte die Double-bind-Theorie. Die mailändische Therapeutin Selvini Palazzoli setzte dies um und präsentierte als starke familientherapeutische Interventionen Symptomverschreibung und paradoxe Interventionen, auch wieder zuerst bei der Magersucht.
- Mit der Kybernetik „zweiter Ordnung“, d.h. dass die Beobachtung der therapeutischen Beziehung fokussiert wurde, machten in der Folge andere Mailänder (Cecchin, Bozzolo) und auch das neue Heidelberger Team Furore. Der Konstruktivismus und die Postmoderne als hinterliegende Philosophien waren in aller Munde.
- Schliesslich stellten die Biologen Maturana und Varela die Theorie der autopoietischen Systeme vor. Sie entdeckten, dass sogar Zellen autonom seien, sich mittels ihren Membranen abgrenzen und puncto Veränderung und Integration sich nur auf complexer Weise (Perturbation genannt) dazu einladen lassen, d.h. also dass die Veränderung von der Zelle selber initiiert wird und nie von aussen (es sei dann, dass eine totale Vernichtung stattfindet). Der Systemtheoretiker Luhmann übersetzte diese Sichtweise auf alle lebende Systeme. Hierauf stützen sich wieder die narrativen Ansätze der systemischen Therapie.
Ich habe das Ganze zuerst bei Ago Bürki in Zürich kennengelernt und mich in der Folge in der IGST Heidelberg ausbilden lassen. Was dies für meine therapeutische Haltung auch als Christ für Folgen hatte, erzähle ich in einem anderen Referat. Jetzt geht es um die Frage der systemischen Therapie bei Traumatisierten.
„Gebundene“ Systeme, die zu Traumatisierung einladen:
Man fragt sich natürlich, was dies für Systeme sind, in denen Traumatisierung vorkommt. Wie sind solche zu charakterisieren? Dazu möchte ich Ihnen den bei uns schon alten Begriff der „gebundenen“ Systeme vorstellen. „Gebundene“ Systeme hat man zuerst bei den psychosomatischen Krankheiten wie Magersucht beobachtet, später auch bei den Suchtkrankheiten. Diese Familien sind nach aussen sehr geschlossen und haben eine dicke Aussengrenze. Draussen ist es gefährlich, heisst es. Innerhalb dieser Systeme sind hingegen die Grenzen verschwommen, die Individuen sind schlecht abgrenzbar. Man redet über „Wir“ und kaum über „Ich“. „Bei uns“ macht man es so. Es gibt entsprechende eindeutige Verhaltensregeln, mit denen nicht gebrochen werden darf. Wenn man z.B. im Ablösungsalter mit diesen Regeln brechen möchte, gibt es keine andere Möglichkeit, als diese Neigung als Krankheit zu vertarnen, z.B. indem man hungert und sich magersüchtig nennen lässt, wobei man einerseits sich von der Familie unterscheidet, aber sich andererseits nicht als Verräterin outen muss.
Woher kommen diese Strukturen? An sich ist es dem Menschen sehr eigen, sich nicht ändern zu müssen. Wenn dafür keine Notwendigkeiten vorliegen, wird nichts verändert. Was der Bauer nicht kennt, isst er nicht. Dass solche Strukturen eher auf dem Land vorkommen, kann man sich vorstellen. Auf dem Land ist man noch viel mehr mit der Natur verbunden, die sich in vielen Weisen als sehr unveränderlich zeigt. Es ist nicht umsonst, dass Guntern, ein struktureller Familientherapeut, aus Wallis stammt und die dortigen rigiden Muster gut beschrieben hat.
Häufig ist aber auch in der Vergangenheit, auch wenn es über Generationen zurück liegt, etwas Schlimmes passiert, aus dem man geschlossen hat, dass die Umwelt gefährlich ist. Weil man dies dann glaubt, wird die Umwelt entsprechend gefährlich und der Kreis hat sich geschlossen. Bei Alkoholikerfamilien heisst dies dann z.B. (einfach gesagt), dass weil Papa sich tot getrunken hat, dürfen die Kinder nichts trinken, lernen nicht mit dem richtigen Mass umgehen und trinken sich, sobald die äusserliche Kontrolle nicht mehr da ist, auch zu Tod.
Solche Strukturen sieht man in kleinen Systemen wie Familien, auch aber in grösseren Systemen wie ganze Länder. Ich muss nur an die rigide kommunistische Diktaturen erinnern. Vorbilder kleiner Systeme sind auch Familienbetriebe, in denen alles nach bestimmten verinnerlichten rigiden Mustern abläuft, die der nachfolgende Sohn nicht ändern kann.
An sich im entsprechenden Umfeld nützliche Regeln werden zu absoluten Gesetzen erhoben und wirken dann destruktiv. Wenn über die Aussengrenze kein Austausch mehr stattfindet, sondern diese wegen dem einen oder der anderen absoluten Gesetz verriegelt worden ist, müssen Bedürfnisse im kleinen System erfüllt werden. In der Folge gibt es dann auch eher rigidere innere Strukturen, auch eine rigidere Hierarchie. Meistens bestimmt schliesslich nur eine Person ob man „linientreu“ ist oder nicht. Mangels Flexibilität gibt es für bestimmte Bedürfnisse keinen Ausweg mehr. Folgen können Inzest und Machtsmissbrauch sein. Wenn eine Person die Regeln verletzt kann Ausstossung erfolgen. Meistens erfolgt aber zuerst eine Warnung. Für solche Massnahmen hat das Gesetzt höheren Wert als das Wohl des Individuums. Darum sind die Strafe häufig sehr massiv und verletzend. Individuelles Wohlergehen wird dem grösseren System geopfert. Man kann sich vorstellen, dass solches Denken einem ins Blut oder Knochenmark geht, und nicht einmal verschwindet, nachdem man selber Opfer einer solchen Strafmassnahme geworden ist. Darum ist die Dunkelziffer dieser Untaten so gross. Die Betroffenen verheimlichen die Sache selber. Erst bei öffentlichen Sachzwängen wie grobe Verletzungen, wenn ärztliche Intervention unvermeidbar ist, treten diese Ereignisse ans Tageslicht. Als Beispiel nenne ich das battered-child-syndrome in den Kinderspitälern.
Ich meine aufgrund der vorhergesagten Beobachtungen, dass Familiengespräche für gebundene Systeme, die als Ziel eine Öffnung des Systems haben, einen grossen prophylaktischen Wert haben. Wenn aber eine Traumatisierung stattgefunden hat, ist es nicht immer mehr möglich, die Familie als Ganzes zu behandeln. Die systemische Sicht der Entstehung kann uns jedenfalls aber weiterhelfen. Wenn das Rigide nicht aufgehoben wird und nur die Traumatisierung thematisiert, ist weitere Traumatisierung in folgenden Generationen fast unvermeidlich.
Traumatisierung unter Christen (2)
1. Wie ist dies bei uns „gläubigen Systemen“? Gläubige Systeme, die traumatisieren. Ein falsch verstandener Missionsauftrag?
Sie haben bei meiner Schilderung gebundener Systeme vielleicht schon selber an christliche Gemeinschaften gedacht, die sehr für sich leben und sich Andersdenkenden gegenüber ausgrenzen. Tatsächlich können wir uns kaum über die beschriebenen Traumatisierungen empören. Lassen wir zuerst vor unserer eigenen Türe wischen. Für mich war dies am Anfang kaum zu glauben. Die Tatsache ist aber schon so, dass ich kaum studieren muss, fallen mir schon Namen von Patienten und Patientinnen ein, die im Namen des Glaubens auf schrecklichster Art ausgebeutet worden sind. Eine Tochter einer Berner Pfarrerin, die während der ganzen Kindheit vom Vater dermassen gequält wurde, dass ihr der Lebenstrieb ausgetilgt worden war und sie sich nach Erwachsen-werden ihrer Kinder endlich mit Erfolg suizidieren konnte; ein Pflegsohn eines angesehenen katholischen Pfarreiratmitgliedes, der über Jahre gezwungen war, den Pflegevater homosexuell zu befriedigen; eine Tochter aus dem tiefgläubigen Emmental, die immer noch Alpträume von ihren Eltern hat, die nicht aufhörten, sie im Namen von Gott einzuschüchtern; eine Tochter eines sexuell ausbeutenden Vaters, die von ihrer Gemeinde gezwungen wurde, ihren Vater zu vergeben; etc. Wenn ich näher schaue – was ich die letzte Zeit mache -, kommen immer mehr Ausbeutungen ans Licht. Diese Praxis kommt auch sonst ans Licht. Sie haben wahrscheinlich auch von dem Blaukreuz-Jugendleiter gelesen, der seine ihm anvertrauten Jugendliche missbraucht hat. Aufgrund meiner bescheidenen Erfahrungen meine ich, dass die Dunkelziffer noch immens gross ist. Können Sie sich vorstellen, wie wir Christen uns eine Schuld aufladen? Kaum sind wir uns darüber einig, dass wir uns so nicht mehr von den Juden abgrenzen sollten, treten andere im Namen von Jesus traumatisierend ausgrenzende Tätigkeiten in den Vordergrund. Woran liegt dies denn?
Ich glaube, dass dies an einem falsch verstandenen fundamentalistischen Missionsauftrag liegt. An einer falsch verstandenen Verantwortung, die wir angeblich für einander haben. An einer Lehre der Gesetzlichkeit, die Gnade und Erbarmen ausschliesst. Verstehen Sie mich recht. Gott, Jesus, seine Jünger und auch Paulus sind daran nicht schuld. Im Gegenteil wird im Alten Testament eine Öffnung der Grenzen den Fremden gegenüber deutlich, die es sonst im alten Orient nicht gab. Abgesehen vom Austilgen der Kanaaniten und der anderen Völker, die damals beim Exodus in Israel lebten – was ich zu letzt nicht verstehe -, ist das Gesetz Mose das erste soziale Gesetzessystem der ganzen Menschheit, das an sich immer noch unübertroffen ist. Ausländer? Sie waren willkommen wie in keinem anderen Volk. Immer noch sind die Türen der Synagogen für Ausländer ganz offen. Auch im Neuen Testament – denken Sie an Pfingsten – haben alle Sprachen Platz. Frauen wurden wie in keiner anderen parallelen Zivilisation einbezogen. Was ist dann falsch gegangen? Für eine theologische Analyse dieses Phänomens fehlt mir die Ausbildung, weswegen ich auch vorsichtig sein möchte.
Ich glaube, dass es damit zu tun hat, dass für viele von uns, v.a. Männer, es gibt aber auch Frauen, Regeln und Gesetze von Gott wichtiger sind als das Schicksal von Individuen. Dass heisst, dass wir so gerne möchten, dass die uns anvertrauten nach Gottes Gesetze leben, dass wir sie fast dazu zwingen möchten. Wir können sie aber nicht zwingen! Ist dies nicht das Vorbild von Gottes Liebe und Gnade, dass Er Israel nicht gezwungen hat, Ihn anzubeten? Ist das Bild von Jesus, der vor der Tür steht und anklopft, bis wir aufmachen, auch nicht ein wunderbares Bild von Seiner Liebe. Was sagt er dem reichen Jüngling? „Komm, ich helfe Dir, Du musst Deine Sachen jetzt dort und dort weggeben oder verkaufen, damit Du mir nachfolgen kannst“? Nein, Er ist traurig, und sagt, dass es wohl schwer ist, ihm nachzufolgen, wenn man so reich ist. Meiner Meinung nach dürfen wir in keinem Fall Menschen zwingen, irgendetwas gegen ihren Willen zu tun. Und wenn sie es nicht wollen, haben wir immer noch die Pflicht der Gastfreundschaft und dürfen wir sie nicht rauswerfen. Dies gilt für unsere Kinder und für unsere Therapiepartner.
Gewisse Sachen, die wir gerne sehen würden, dass die uns Anvertrauten dies machen würden, werde manchmal so verpackt, dass der Betroffene nicht anders kann. Beispiel solches Verpackungsmaterials ist ein Gesicht, eine Vision des Herrn, das den Betroffenen betrifft. Gott spricht zu Dir, wer kann da weigern? Häufig sind aber die Zusprachen von Gott weniger gnädig als was von Ihm in der Bibel steht. Oder es wird gedroht mit dem Gericht. Wenn Du nicht folgst, kommt das Gericht. Das Schwarz-weiss-Denken, dass dazu passt, ist dann manchmal so verinnerlicht, dass die Leute, die sich dann diesem Denken entziehen, so leben, dass sie die Prophetie des Verdammnisses selbst verwirklichen und sich z.B. einen Überdosis spritzen.
2. Jesus, der christliche Weg zwischen moderner Exklusivität und postmoderner Beliebigkeit
Das Schwarz-weiss-Denken ist Symptom des sogenannt modernen Denkens, das sich so kennzeichnet, dass es der richtige Weg immer rational erkennbar ist. Es gibt so etwas wie die Wahrheit. Gemeint ist, dass Zweifel Folge von fehlender Kenntnis ist, und etwa nicht eine Entwicklungsphase, die auch gut tun kann. Exklusives Denken heisst ausschliessendes Denken. Dies ganz konsequent im Leben angewendet verunmöglicht schliesslich jede Form von Leben, das sich von seiner Art her ja dauernd ändert. Neue Entwicklungen sind so eher ausgeschlossen, es sei dann sie passen zum gültigen Weltbild.
Die Alternative, jedenfalls nicht den bevormundenden einengenden Weg zu gehen, wäre der Weg der postmodernen Beliebigkeit. Jeder geht seinen eigenen Weg. Ich kann nicht wissen, was für den Anderen den richtigen Weg ist. Darum sage ich nichts mehr. Ich muss selber auch schauen, was immer wieder recht für mich ist. Es kann sich ja ändern. Toleranz ist das höchste Gut, sowohl interreligiös, als auch innerhalb der christlichen Kirche selber. Eine merkwürdig definierte Art von Liebe sei da wegweisend. Wenn man es ja aus Liebe tut, kann es nicht falsch sein. Dass dieses grenzenlose Verhalten sich selber überfordert sieht man überall, v.a. aber in der Erziehung.
Dass Jesus der Weg dazwischen ist, mag deutlich sein. Sein Umgang mit dem Gesetz macht deutlich, dass es nicht gehen kann, das Gesetz auszuschalten. Im Gegenteil er verherrlicht das Gesetz, es ist wie Licht auf dem Weg. Wie sollen wir sonst gehen? Im Umgang mit dem Gesetz ist er aber sehr pragmatisch. Er will die Menschen nicht zwingen. Er lädt sie ein, ihm auf Seinem Wege zu folgen. Er kann die Sachen manchmal sehr klar stellen, wie Sein Wut den Verkäufern gegenüber im Tempel. Er lässt sie aber am anderen Tag ihre Sachen wieder aufstellen und zwingt sie nicht, es sein zu lassen. Jesus macht uns das Gesetz beliebt, er zeigt auf, dass das Gesetz das Zeichen Gottes Liebe ist und für uns ein Zeichen unserer Liebe zu Ihm sein kann.
3. Hilfe zur Selbstdiagnose
Wo stehe ich? Sind Sie verunsichert? Das mag sein. Dies ist aber nicht schlimm. Wir können uns korrigieren lassen. Wie geht dies dann, wenn eben die Bibel uns zu diesem Verhalten veranlasst hat? Ich meine, dass auch der Fundamentalismus, der Biblizismus und andere christliche Ideologien – wie z.B. dass Gott alle Krankheiten und Gebrechen heilt -, biblisch wiederlegbar sind. Diese „Ismen“ sind immer Folge einer verzerrten Schriftauslegung. Wie im ganzen Umgang mit dem Gesetz gilt es, sich immer wieder vom selben Gesetz korrigieren zu lassen, und dies aber in der Gemeinschaft passieren zu lassen, und eben nicht im kleinen Kreis der Gleichdenkenden, sondern wirklich auch mal von Christen, die irgendwo ganz anders stehen.
Ich möchte Ihnen einige Fragen zur Selbstprüfung oder Selbstdiagnose mit auf dem Wege geben. Die Diagnose geht in die Richtung der christlich sektiererisch bedingten posttraumatischen Belastungsstörung bei den uns Zuvertrauten.
- Liebe ich die mir Zuvertrauten? D.h. auch, wenn sie andere Wege gehen?
- Bis ich bekannt als stur, fundamentalistisch und rechthaberisch?
- Wie geht es mir? Bin ich wirklich glücklich?
- Seit wann ist mein Denken gleich geblieben? Wann habe ich mein Denken das letzte Mal revidiert?
- Habe ich manchmal Phantasien oder Tagträume, ich möchte diese oder jene Person weh tun oder dass sie oder er es schon „merken“ wird, dass er oder sie den guten Weg verlassen hat?
- Pflege ich noch Kontakt zu Leuten, die sich meiner Betreuung entzogen haben? Wie geht es Ihnen? Wie denke ich über sie, gnädig, oder warte ich, bis sie sich bei mir entschuldigen?
- Habe ich das Gefühl, dass eigentlich es nur bei uns gut ist?
- Wann habe ich mich das letzte Mal von jemand überzeugen lassen?
- Wie lösen die Leute sich von mir ab? Wieviel der mir Zuvertrauten sind nach Ablösung von mir eigene neue Wege gegangen? Wieviel sind immer noch bei mir (in der Nähe)? Wieviel sind mit Krach gegangen?
Integration der modernen Psychologie und Glaubens (3)
(Literatur: Herz und Psyche, gibt es eine christliche Psychologie von W. Ouweneel; Die Kunst nicht zu lernen von Fritz Simon; Ich und Du von Martin Buber)
1. Mein Verständnis von Integration von Psychologie und Glaube im therapeutischen Prozess: ein biblisches Menschenbild
Das erwähnte Buch von Ouweneel drückt in moderner philosophischer Sprache aus, was Dooyeweerd bereits konzipiert hat: ein Menschenbild, das biblisch heb- und stichfest zu sein scheint. Es übersteigt den alten griechischen Dualismus zwischen irdischem Körper und unsterblicher Psyche. Dieses Menschenbild, diese Anthropologie, ist differenziert, vielfältig, und lässt doch zu, dass wir staunen und schliesslich nicht verstehen. Ouweneel zeigt auf sehr aufschlussreicher Art, wie verschiedene Schulen den Menschen eben nicht ganz erfassen, sondern immer auf einen Aspekt reduzieren und so den Menschen nicht gerecht wird. Immerhin ist der moderne Mensch bereits zum biopsychosozialen Menschenbild herangerückt. Den ganzen mentalen Bereich, d.h. z.B. die ökonomischen, ästhetischen, juristischen, ethischen und pistischen Funktionen des Menschen hat er aber noch nicht erfasst. Der Mensch ist mehr als ein Tier, mehr als Gehirn (wie die biologischen Psychiater wieder glauben), mehr als konditioniert (wie Skinner glaubte), mehr als libidinös frustriert (wie Freund glaubte) und schliesslich auch mehr als ein kognitives Wesen: Er hat ein Herz! Gott fragt Adam: Wo bist Du? Und Adam hörte, wir hören, jeder Mensch hört diese Frage in seinem Herzen und muss diese beantworten. Es geht also nicht ums gegeneinander Ausspielen von Teilfunktionen des Menschen, sondern ums Ganze, das auch wieder keine Summe ist, sondern im Du gipfelt, das Gott uns anbietet. Wie wichtig auch das ökologisch-systemische Verständnis vom Menschen ist, es fehlt Grundlegendes, wenn das Transzendentale fehlt. Weil das jüdisch-christliche Menschenbild den ganzen Menschen erfasst, sind natürlich auch vorläufige wissenschaftliche Erkenntnisse gut im Ganzen integrierbar aber auch korrigierbar.
2. Wie systemische Prämissen wie die Unmöglichkeit der instruktiven Interaktion oder des interaktiven Verändern helfen, nicht zu traumatisieren oder das dramatische Missverständnis, selber oder mit Hilfe von Gott Menschen verändern zu können
Ich kann nichts. Wo habe ich dies gelernt? Nicht bei christlichen Therapeuten. Sondern in Heidelberg. Die Unmöglichkeit der instruktiven Interaktion macht mich glaubwürdig sehr bescheiden. Diese Lehre der Autopoiese der lebenden Systeme lässt mich annehmen, dass wir Menschen nicht-trivial sind. Trivial ist der Ausdruck für eine Maschine, die immer das tut, was man von ihm erwartet. Drücke ich auf den Knopf einer Kaffeemaschine, dann – sind gewisse mir bekannte Voraussetzungen erfüllt – kriege ich Kaffee. Sage, schreie, stosse, mache ich etwas mit einem Menschen, weiss ich nie, ob und wie er oder sie reagieren wird. Es hängt von ihm ab. Der Ball ist bei ihm oder ihr. Von ihrer oder seiner Konstitution, von was er gelernt hat wie sie solche Zeichen interpretieren soll, vom Umfeld, von seinem Willen und von noch viel mehr was ich nicht weiss. So ist mir die Sicherheit genommen, kausal beim Mitmenschen einzuwirken. Es gibt Wahrscheinlichkeiten, die grösser werden, wenn ich den Menschen gut kenne, es gibt aber keine Sicherheiten, nein es gibt Überraschungen und immer wieder Ausnahmen. So kann ich auch nicht verantwortlich für ihn sein, auch nicht mit Gottes Hilfe. Denn der Clou ist, dass auch Gott bei ihm anklopfen will. Gott hat uns nach Seinem Bild geschaffen und das heisst, dass wir an sich autonom sind. Wenn dies so ist, hat dies gewaltige Folgen für mein Verhalten gegenüber anderen Menschen. Was er auch macht, er hat die Begründung für sein Verhalten. Ich kann ihn nicht ändern. Ich muss es akzeptieren. Ich kann ihn höchstens einladen, mit mir darüber zu reden. Ich kann auch sagen, dass ich das nicht will. Es ist aber an ihn, ob er gehorchen will oder nicht. Dieses Grundwissen kann mir helfen, mich nicht über den Willen des Nächsten hinweg zu setzen. Es lehrt mich, den Nächsten zu respektieren, so wie sie oder er ist. Auch wenn er oder sie ein Kind ist, oder schwachsinnig oder dement.
3. Freiheit und Demut versus Unverbindlichkeit und Gleichgültigkeit
Dass mein Gegenüber autonom ist und selber entscheidet, wenn auch die Entscheidungen so weit von unserem Einfühlungsvermögen entfernt sind – wie kann er wieder trinken, fixen, mit einer anderen Frau etwas haben, seine Frau schlagen -, könnte mich gleichgültig machen. Wenn ich nicht dafür kann, was soll ich dann noch?
Wir können Jesus folgen und in aller Demut anklopfen: hast Du Wasser für mich; wer ohne Sünden ist, werfe den ersten Stein; es ist schwer für Dich, weil Du reich bist; wenn Du willst, kannst Du mitkommen, es ist aber nicht schön gell. Wir sind frei! Es ist uns viel erlaubt. Wir dürfen Schritte machen und andere aufmuntern, uns zu folgen. Es ist aber an die Andere, ob sie mitmachen.